Prof. Dr. Ana Mora-Boza: SYMPHOGUT

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen nehmen stetig zu und verlaufen bei jedem Menschen unterschiedlich. Das Projekt "SYMPHOGUT" entwickelt patientenspezifische Darmmodelle, um die komplexen Aspekte dieser Erkrankungen besser zu verstehen und individuelle Unterschiede gezielt zu berücksichtigen.

Darmerkrankungen, einschließlich chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (CED), wirken sich bei jedem Menschen auf sehr individuelle Weise aus und sind noch nicht vollständig verstanden. In Deutschland ist die Zahl der diagnostizierten CED-Patienten in den letzten zehn Jahren von 400.000 auf 650.000 gestiegen und wird voraussichtlich bis 2030 fast 1 Million erreichen, was etwa 1,2 % der Bevölkerung entspricht. Da es keine definitive Heilung gibt, stellen diese Erkrankungen eine erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem dar – sowohl in Bezug auf Kosten als auch auf die langfristige Versorgung der Patienten. Dennoch erfassen die meisten präklinischen Modelle und klinischen Studien die biologische Variabilität nicht ausreichend, sodass viele Patienten lediglich generalisierte Behandlungen erhalten, die oft nur vorübergehende Remissionen bewirken.

Die menschliche Vielfalt verstehen, um die Darmversorgung zu revolutionieren

Das “SYMPHOGUT”-Projekt geht diese Herausforderungen an, indem patientenspezifische, im Labor gezüchtete Darmmodelle entwickelt werden, die den menschlichen Darm nachbilden und gleichzeitig die Vielfalt zwischen Individuen widerspiegeln. Diese Modelle nutzen synthetische Materialien, die menschliche Darm- und Immunzellen unterstützen, und schaffen so eine kontrollierte Umgebung, um die komplexen Wechselwirkungen im Darm und mit dem Mikrobiom zu untersuchen.

Ein zentraler Schwerpunkt von “SYMPHOGUT” liegt auf dem Einfluss von Sexualhormonen, wie Östrogen und Progesteron, deren Spiegel sich im Laufe des Lebens natürlich verändern. Diese Hormone spielen eine entscheidende Rolle bei der Darmentzündung, indem sie Immunreaktionen, die Integrität der Darmbarriere und die Zusammensetzung des Mikrobioms beeinflussen. Durch die Berücksichtigung hormoneller Faktoren in unseren Labormodellen können wir besser verstehen, wie Entzündungen bei Männern und Frauen unterschiedlich verlaufen und wie Patienten auf Therapien in Abhängigkeit von ihrem hormonellen Profil reagieren.

Um dies zu erreichen, kombiniert “SYMPHOGUT” synthetische Materialien – die die Abhängigkeit von tierischen Matrizes verringern – mit intestinalen Organoiden, also Miniatur-Darmgeweben, die aus Patienten-Zellen gezüchtet werden und Struktur sowie Funktion des natürlichen Darms nachbilden. Diese Organoide erfassen individuelle Patientenmerkmale, machen die Modelle realistischer und ermöglichen einen personalisierten Ansatz in der Medizin. Unsere synthetischen Plattformen verbessern zudem die Standardisierung und Reproduzierbarkeit, wodurch verlässliche präklinische Daten entstehen, die die Gestaltung und den Erfolg klinischer Studien unterstützen.

Zusammenfassend zielt “SYMPHOGUT” darauf ab, die Darmforschung zu transformieren, indem sie personalisierter, ethischer und vorhersagbarer wird, die Abhängigkeit von Tierversuchen reduziert und gleichzeitig Therapien vorantreibt, die wirklich den Bedürfnissen der Patienten entsprechen. Das Projekt hat das Potenzial, erhebliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile zu erzielen, indem es die Patientenergebnisse verbessert, die Gesundheitskosten senkt und die Entwicklung wirksamer Behandlungen für Darmerkrankungen beschleunigt – unter Berücksichtigung von Geschlecht, Alter und Krankheitsstatus der einzelnen Patienten.

Nachwuchsgruppenleiterin Prof. Dr. Ana Mora-Boza

Prof. Dr. Ana Mora-Boza studierte Biotechnologie an der Universidad Pablo de Olavide und promovierte in Materialwissenschaften und Werkstofftechnik an der Universidad Carlos III de Madrid. Nach ihrer Postdoc-Forschung am Georgia Institute of Technology sowie an der University of Galway, gefördert durch ein Marie-Skłodowska-Curie Global Postdoctoral Fellowship, wechselte sie im Februar 2026 an die Technical University of Munich, wo sie als Rudolf-Mößbauer-Assistant-Professorin tätig ist. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung humaner mikrophysiologischer Systeme mithilfe synthetischer Biomaterialien sowie auf die Untersuchung der Rolle von Sexualhormonen bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen.